Geschichte

Die evangelische Kirche 1903

Durch den Zuzug von Industriearbeitern, Dienstmädchen, Beamten und wohlhabenden Städtern wuchs ab Mitte des 19. Jahrhunderts im ursprünglich rein katholischen Gonsenheim die evangelische Bevölkerung derart an, dass die Synode des Großherzogstums Hessen-Darmstadt 1893 die Bildung einer evangelischen Gemeinde Gonsenheim innerhalb der Landpfarrei Mainz beschloss.

Bereits seit 1891 hatten in Gonsenheim alle drei Wochen in einem Privathaus evangelische Erbauungsstunden stattgefunden, die schließlich ab 1893 in der Schule (heute Altbau der Maler-Becker-Schule) abgehalten wurden.

Die Enge des Schulraumes führte bei der evangelischen Gemeinde jedoch bald zum Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus. Die politische Gemeinde unterstützte dieses Vorhaben 1895 durch die Schenkung eines Bauplatzes, der damals direkt am Waldrand des Dorfes  an der Ausmündung einer Villenstraße lag. Durch eine zusätzliche Spende des Gustav-Adolf-Vereins in Höhe von 30 000 Mark konnter unter Pfarrer Heinrich Bechtolsheimer mit dem Bau der ersten evangelischen Pfarrkirche begonnen werden. Den Entwurf für die Kirche lieferte der Mainzer Architekt Reinhold Weiße (Schüler des Darmstädter Kirchenbaumeisters Friedrich Pützer), der 1910/1911 auch die evangelische Friedenskirche in Mombach erbauen sollte.

Nach dem ersten Spatenstich zur Gonsenheimer Kirche im März 1902 erfolgte die Einweihung am 15. Oktober 1903.

Die klein dimensionierte Saalkirche mit Westturm wurde in neugotischer Formensprache errichtet. Der Grundriss ist durch die auf polygonale Anräume reduzierten Kreuzarme und den kleinen Chorraum stark zentralisiert.

Nachdem die ursprünglichen Chorfenster 1945 stark beschädigt worden waren, ersetzte  man diese 1952 mit Hilfe einer Stiftung von Hans Klenk. Die heute noch erhaltenen Fenster des Darmstädter Glasmalers Max Lüder nehmen die Thematik der zerstörten Vorgängerfenster auf (Geburt Jesu, Kreuzigung, Auferstehung).

Die nach dem 2. Weltkrieg vereinfacht erneuerten Fenster des Kirchenschiffs (Kreuzarme und Orgelempore) wurden schließlich 2002 durch Fenster des Langener Malers Johannes Schreiter (geb. 1930) ersetzt. (siehe bitte unter Kirchenfenster) Der Einbau wurde durch eine Stiftung von Dieter Klenk ermöglicht, der sechs der acht Fenster finanzierte.

„Wort“, „Taufe“ und „Abendmahl“ als die Kernstücke evangelischer Theologie begegnen sich im Raum, repräsentiert durch die am nördlichen Strebepfeiler des Chorraumes angesetzte Kanzel, den Altar im Chorraum und das unterhalb des südlichen Strebepfeilers  vor dem Chorraum stehende Taufbecken. Predigt, Taufe und Abendmahl vereinigte schon der Gottesdienst  zur Einweihung der Kirche 1903, der unter dem Motto stand: „Lasset das Wort Christi reichlich unter euch wohnen!“ (Brief an die Kolosser 3,16) Die Kreisform und die Zahl 8 schaffen eine weitere Verbindung. Das Taufbecken ist achteckig ausgeführt, die Kanzel als halbes Achteck, beide verweisen in ihrer Grundform auf den Kelch. Der achte Tag gilt in der jüdisch-christlichen Überlieferung als der Tag der Neuschöpfung, an dem Gott den „neuen Himmel und die neue Erde“ werden lässt und die Sehnsucht des Menschen sowie aller Kreatur nach Vollendung erfüllt. Die Feier um Wort und Sakrament, Taufe und Abendmahl, bringt uns mit diesem Geheimnis in Berührung. Dabei geht es auf dem Fußboden ganz menschlich zu: Fliesenmuster sind stellenweise unterbrochen und versetzt. Haben die passenden Fliesen gefehlt? Sind beschädigte Fliesen aus Resten ersetzt worden? Die ganze Kirche erinnert in ihrer Schlichtheit an eine junge Gemeinde, die mit wenigen und einfachen Mitteln Gott und den Menschen ein Haus gebaut hat. Zwei Engel sind in der Kirche zu finden. Der eine hält einen Soldaten im Arm, die Flügel über dem Sterbenden ausgebreitet – eine Gedenktafel an der Rückwand des Kirchenraumes. Der andere Engel befindet sich diagonal gegenüber im rechten Chorfenster. Er weist auf Christus, den auferstandenen Herrn, aus dem Grab auferweckt. Die Soldaten – einer hat sein Schwert noch in der Hand – liegen wie niedergeschlagen am Boden.

Die ursprünglich farbige Ausmalung wurde 1932 vereinfacht. Im Rahmen der letzten Innenrestaurierung (2001/2002) konnten die Reste der ursprünglichen Ausmalung durch einen Restaurator dokumentiert und unter dem jetzigen Anstrich gesichert werden. Die Orgel wurde 1979 durch die Firma Steinmeyer (Oettingen/Bayern) erneuert.

Die Kirchenbänke ersetzte man 1973 durch Stühle. Die bauzeitlichen Bronzeglocken mussten 1917 zu Rüstungszwecken abgenommen werden. Als Ersatz wurden 1923 drei Stahlglocken in der ungewöhnlichen Tonfolge dis´-fis´-a´ angeschafft.

Ursprünglich umschloss die Kirche eine großzügige Anlage, die einen Point de vue (Aussichtspunkt) für die darauf zulaufende Breite Straße (die ehemalige Kaiserstraße) bot. Im Rahmen der Straßennregulierung 1921 wurde die Anlage auf die heutige Form verkleinert. Die Kirche liegt heute auf einer Verkehrsinsel.

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Gemeindehaus Mainz-Gonsenheim (Gemeindehauserweiterung mit Gottesdienstraum) 1929/1965

Schon bald nach der Einweihung der Kirche 1903 wurde spürbar, dass die Gemeinde weitere Räume brauchte. Pfarrer Berck hat es bereits 1908 mit Blick auf den Kirchengesangverein klar ausgesprochen: „Was ihn (den Kirchengesangverein) schwächt und stets gefährdet, ist der Mangel eines geeigneten Übungsraumes, die Notwendigkeit, im Wirtshaus proben zu müssen.“ Die „Familienabende“ – wir würden heute sagen: Gemeindeabende – fanden entweder in einem Gasthaus oder in der Turnhalle statt. Jugendarbeit war nahezu nicht möglich.

So wird in der Friedensstraße 35 ein kombiniertes Pfarr- und Gemeindehaus gebaut und 1929 eingeweiht. Und nachdem die Gemeinde weiterhin stark gewachsen ist, kommt 1965 ein Bungalow-Anbau mit großem Saal als Gottesdienstraum und Gruppenräumen dazu.