Andacht zum Karsamstag

von Pfarrer Andreas Nose

Wenn wir uns schon nicht physisch begegnen können, so können wir doch gemeinsam nachdenken und beten. Diese Andacht möchte dabei Hilfe sein.

 

1. Ich liebe diesen Samstag – mehr als alle anderen Samstage im Jahr!

Warum?

Weil es ein Ostertag ist, an dem ich auch in normalen Jahren „frei“ habe, weil kein Gottesdienst zu feiern ist?

Weil ich so gern in der Schlange auf dem Markt stehe, um auch in normalen Jahren letzte „Feiertags-Hamsterkäufe“ zu erledigen, als ob es kein Morgen gäbe?

Nein!

Ich liebe diesen Tag, weil es – das hat mir die Kirche beigebracht – der Tag einer ganz besonderen Ruhe ist.

Bin ich faul? Vielleicht.

Aber der Karsamstag ist nicht der Tag der Hängematte.

Es ist der Tag der Grabesruhe Jesu Christi.

Das ist unheimlich traurig.

Und unglaublich tröstlich.

So empfinde ich es jedenfalls.

 

2. Als Jesus gestorben ist, ist für viele Menschen, die ihm sehr, sehr nahe standen, das Leben, wie sie es bis dahin kannten, zusammengebrochen.

Ihre Hoffnungen und Träume sind auf einen Schlag erledigt.

Ihrem Glauben scheint das Fundament zertrümmert.

Und doch gibt es einige, die bleiben bei Ihm. Zuerst die Frauen.

Als ob es ihnen leichter fällt als den Männern, in der Trauer nicht wegzulaufen; den Schmerz nicht mit Hoffnungsparolen zu verdrängen; die Stille nicht mit Trostfloskeln zu überspielen; das Scheitern nicht zu leugnen, indem ich gleich das nächste „Programm“ auflege, meine „Strategie“ anpasse, mich als „handlungsfähig“ erweise. Das alles mag an seiner Stelle gut und wichtig sein; aber nicht überall und an jedem Tag; nicht wenn wir damit aus dem Blick verlieren, was Menschen auch und zuerst brauchen. Auch für uns selbst.

 

3. Die Stille um das Grab Jesu sagt mir: Ich darf auch mal anhalten. Ich muss nicht immer. Ich kann nicht immer.

Auch ich habe nicht auf alle Fragen eine Antwort. Ich habe nicht für jedes Problem eine Lösung. Ich habe nicht für jede Situation das richtige Wort. Ich kann nicht immer Hoffnung machen.

In einem stillen Moment in einer sehr schönen Kirche habe ich es schon getan. Ich habe mich für eine Zeit lang an eine der zahlreichen Grabstellen gesetzt und habe – nichts getan. Für eine Zeit lang. Mein Karsamstag.

Manchmal gelingt es ja – das sind schöne Momente – auch innerlich die Klappe zu halten und wirklich still zu sein. Für mich sind solche Momente auch eine Gnade und ein Geschenk. Weil ich das kaum machen kann. Aber genieße.

 

4. Manche mögen es unter „religiöser Spinnerei“ abtun.

Das dürfen sie gern.  Vielleicht löst aber auch in Ihnen der Karsamstag eigenen Phantasien aus. Wie schön wäre es, sich bald einmal von Angesicht zu Angesicht darüber austauschen zu können! Meine Phantasien oder Bilder für den Karsamstag – sie scheinen sich zu widersprechen, aber so ist das manchmal – sind diese:

Christus ist „hinabgestiegen in das Reich der Toten“ (aus dem Glaubensbekenntnis). Ich stelle mir vor, dass auch mit dem Tod eines Menschen nicht alles „zu spät“ ist. Für Christus gibt es seit Ostern keine verschlossenen Türen mehr. Was ich nicht weiß und nicht wissen kann, begrenzt doch Ihn nicht. Er kann immer noch Menschen freundlich begegnen und einladen, Ihm zu vertrauen.

Christus selbst „wartet“ am Karsamstag, was geschieht. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Auch hier. Er kennt das, (noch) nicht zu wissen, was morgen kommt. Ob etwas kommt. Ob Gott da ist. Ob Er noch eine Idee hat und eine Hilfe, einen Trost und einen Rat. Und ob der Tod das Ende ist oder das Leben beginnt.

 

5. Ich bete für die Menschen, denen das Warten lang wird und für alle, die darauf angewiesen sind, dass ihnen Freundlichkeit und Hilfe begegnen, damit sie Kraft haben für den nächsten Tag.

 

Vater Unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme,

dein Wille geschehe

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute

und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 

6. Psalm 4

Wenn ich rufe, erhöre mich,

Gott, du mein Retter.

Du hast mir Raum geschaffen, als mir angst war.

Sei mir gnädig und hör auf mein Flehen!

Ihr Mächtigen, wie lange noch schmäht ihr meine Ehre,

warum liebt ihr den Schein und sinnt auf Lügen?

Erkennt doch: Wunderbar handelt der Herr an den Frommen;

der Herr hört mich, wenn ich zu ihm rufe.

Ereifert ihr euch, so sündigt nicht!

Bedenkt es auf eurem Lager und werdet stille!

Bringt rechte Opfer dar

und vertraut auf den Herrn!

Viele sagen: „Wer lässt uns Gutes erleben?“

Herr, lass dein Angesicht über uns leuchten!

Du legst mir größere Freude ins Herz,

als andere haben bei Korn und Wein in Fülle.

In Frieden leg ich mich nieder und schlafe ein;

denn du allein, Herr, lässt mich sorglos ruhen.

 

Ehre sei dem Vater und dem Sohn

und dem Heiligen Geist

wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit

und in Ewigkeit. Amen.

 

(Gotteslob 310.3)

 

Ihr

Pfarrer Andreas Nose

 

Weitere Andachten zum Nachlesen oder Nachhören finden Sie hier:

 

Die Andacht zum Hören von Karfreitag vom 10.04.2020 „Im Dunkel unsrer Nacht“ finden Sie hier

Die Abendandacht zum Hören von Gründonnerstag vom 09.04.2020 „Trotzdem gehören wir zusammen“ finden Sie hier

Die Andacht zum Palmsonntag finden Sie hier

Die Andacht zum Hören vom 28.03.2020 „Aber Du weißt den Weg für mich“ finden Sie hier

Die Andacht vom 21.03.2020 „Wir wissen gar nicht viel“ finden Sie hier